Händel edieren – ein kurzer geschichtlicher Überblick

Zwischen 1858 und 1901 brachte der Händel-Forscher Friedrich Chrysander, einer der Giganten der deutschen Musikwissenschaft des 19. Jahrhunderts, eine fast vollständige Edition der Werke Händels heraus. Dafür gründete er zusammen mit Gottfried Gervinus 1856 die Deutsche Händel-Gesellschaft, in deren Namen die Ausgabe erschien. Diese Edition war eine außergewöhnliche Leistung und alle späteren Wissenschaftler und Herausgeber sind ihm für die Begründung der modernen Händel-Forschung außerordentlich verpflichtet. Durchschnittlich legte er in einer Zeit, in der es weder Mikrofilme noch Fotokopien gab, pro Jahr zwei Bände vor. Um Händels Autographe in der Royal Music Collection studieren zu können, musste er regelmäßige Reisen nach England unternehmen und erhielt nur unter widrigen Bedingungen Zugang zu den Manuskripten im Buckingham Palace. Er nutzte frühere Ausgaben, wie die der Händel-Zeitgenossen Walsh und Cluer sowie zwei frühere Versuche einer Sammelausgabe von Arnold (1787-1797) und der English Handel Society (1843-1858), allerdings waren diese von jeglicher Vollständigkeit weit entfernt. Als Hauptquelle neben den Autographen diente ihm eine Sammlung von Händels Dirigierpartituren, die ein Konsortium Hamburger Kaufleute auf Grund seiner Überzeugungsarbeit 1868 erworben hatte. Von den weiteren Sekundärquellen, wie die Sammlungen Malmesbury, Lennard, Shaftsbury, Granville und Münster, die uns heute zur Verfügung stehen, wusste er nur wenig bzw. nichts, auch bekam er niemals die wenigen, aber aussagekräftigen Autographe, die sich im Fitzwilliam Museum in Cambridge befinden, zu Gesicht. Die Qualität der Edition wird zwangsläufig dadurch beeinflusst, dass er dieses Material nicht studieren konnte: vor Allem war es ihm häufig nicht möglich, die Quellen hinsichtlich Händels Veränderungen, Überarbeitungen und Ersetzungen für Wiederaufnahmen zu beurteilen, und er druckte deshalb in seinen Notenhauptteilen manchmal Sätze ab, die der Komponist vor der Aufführung verworfen hatte. Andererseits wertete er die ihm zur Verfügung stehenden Quellen so sorgfältig aus, dass er damit einen Standard setzte, dem wir noch heute nacheifern. Karl Vötterle, der Gründer des Bärenreiter-Verlags stellte 1940 die Idee einer neuen zehnbändigen Ausgabe ausgewählter Werke Händels zur Diskussion. Er hatte dabei an eine Zusammenarbeit mit einem englischen Verlag gedacht, jedoch war dies durch den Krieg einfach unmöglich. Die Idee wurde in Halle weiterverfolgt und 1941 etablierte sich der Name »Hallische Händel-Ausgabe«. Es gab einige Unsicherheiten, in welcher Form sich die neue Ausgabe auf Chrysander beziehen sollte. 1943 schrieb Vötterle, dass die vorgeschlagenen Bände im Kern Werke für den häuslichen Gebrauch (»Hausmusik «) enthalten sollten und nach Wunsch zu einer Gesamtausgabe erweiterbar seien. In einem Schreiben von Bärenreiter vom 20. Juli 1943 wurden die editorischen Richtlinien erläutert; Vötterle stellte Überlegungen an, Fotokopien aus England über die Schweiz zu beschaffen, nachdem Rudolf Steglich, der die Bände betreute, die Beschaffungsprobleme zu bedenken gegeben hatte. Man war sich einig, dass die Edition weiterlaufen sollte, auch wenn man wegen des Krieges auf Quellenmaterial verzichten müsste. Zu den geplanten Bänden zählten der Klavierauszug zu Deidamia und einige Klaviersuiten aus dem Jahr 1720, beide von Steglich herausgegeben, sowie die Orgelkonzerte op. 4, herausgegeben von Karl Matthaei, dann Serse, in der Edition von Steglich. Deidamia erschien 1945, aber die folgenden drei wurden erst in den 1950er Jahren veröffentlicht, nach der Gründung der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft im Jahre 1952, der die Ausgabe offiziell unterstellt wurde. Der Deidamia-Klavierauszug basierte auf der Chrysander-Ausgabe, enthielt jedoch viele herausgeberische Zusätze hinsichtlich der Bühnenanweisungen, der Vortragsbezeichnungen, der Phrasierung und der neu verfassten Continuo-Kadenzen zu den Rezitativen. Es steht außer Frage, dass es einige Zeit dauerte, bis sich die Idee der HHA als einer vollständigen kritischen Gesamtausgabe durchsetzte: der erste Band, der als Serie IV, Band 1 veröffentlicht wurde, war Steglichs Ausgabe der Suiten von 1720, nach der Cluer-Ausgabe mit geringem Einfluss des Autographs. Als Band 2 erschien Matthaeis op. 4, der eine Fülle von editorischen Kennzeichnungen bezüglich Ausdruck und Phrasierung sowie zusätzliche Mittelstimmen im Orgelpart enthielt. Die Bände 3 und 4 von 1955 beinhalten jeweils die Sonaten für Flöte bzw. Blockflöte und für Violine. Diese frühen Bände wurden als praktische Ausgaben, basierend auf der Chrysander-Ausgabe, vorgelegt und vermittelten einen Eindruck der HHA. 1958 erschien Das Alexander-Fest, herausgegeben von Konrad Ameln, als erster Band mit einem – separat als 51-seitiges Heft veröffentlichten – vollständigen Kritischen Bericht. Steglichs Serse erschien so ähnlich gestaltet wie der Deidamia-Klavierauszug ebenfalls 1958, ohne Kritischen Bericht und wieder basierend auf Chrysander. Die bis zu diesem Zeitpunkt erschienenen Bände wurden von britischen, amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern stark bemängelt; diese kritische Beurteilung führte recht schnell zu einer Neufestlegung der Editionsgrundsätze und -ziele. Dieser Prozess wurde durch das schnelle Wachsen der Händel-Forschung in den 50er, 60er und 70er Jahren gefördert, die die Bedeutung der Sekundärhandschriftensammlungen verdeutlichte und sie Wissenschaftlern zugänglich machte (insbesondere durch den Verkauf der Newman Flower Collection durch die Manchester Public Library im Jahre 1965 und die Öffnung der Sammlung Malmesbury für Händel-Spezialisten 1967). Britische und amerikanische Wissenschaftler, denen die Quellen leicht zugänglich waren, wurden als Bandherausgeber gewonnen und man bemühte sich, den wissenschaftlichen Anspruch der Edition zu verbessern. Dieser Prozess wurde durch die Anwendung neuer Technologien in der Papieranalyse – also die Untersuchung von Wasserzeichen und Rastralen –, die Verfügbarkeit von Mikrofilmen und die Veröffentlichung des Thematischen Werkverzeichnisses (HWV) durch den hochrangigen Hallenser Wissenschaftler Bernd Baselt erleichtert. 1984 wurde das Editorial Board mit Mitgliedern aus Deutschland, Großbritannien und den USA eingerichtet. Es hat die Aufgabe, die Herstellung der Bände zu beaufsichtigen und einen Monitor zur Prüfung zu ernennen.

Die Hallische Händel-Ausgabe heute

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die HHA zu einer modernen kritischen Edition gewandelt, die so geführt wird, dass ein höchstes Maß an wissenschaftlicher Genauigkeit sichergestellt ist. Neben dem Editorial Board, das alle Vorgänge betreut, gibt es zudem eine mit drei erfahrenen Musikwissenschaftler besetzte Redaktion im Händel-Haus in Halle, deren Aufgabe es ist, die eingereichten Arbeiten der einzelnen Bandherausgeber genauestens zu prüfen – jede Note und jeden Verweis direkt mit der originalen Quelle zu vergleichen und die Korrekturfahnen des Verlags in Zusammenarbeit mit den Herausgebern zu korrigieren. Neben der Erstellung neuer Bände erscheinen auch einige Neuausgaben früherer mangelhafter Bände, die bislang von den Subskribenten und Rezensenten sehr begrüßt wurden.
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